Hommage Elisabeth Kox-Risch
10. Juni 2026 Salle des fêtes Commune de Roeser
NOTIZEN als Basis für eine freie Rede
Wegen des historischen Rückblicks ist die Veröffentlichung dieser Notizen nicht uninteressant.
Es gilt das gesprochene Wort.
Ich bin in einem sozialdemokratischen Umfeld politisiert worden.
In den 70ger Jahren galt hier und eigentlich allgemein die Devise: Technischer Fortschritt zum Wohle der Menschheit ist voranzutreiben. Nicht überraschend, dass die Kernenergie anfangs auf fruchtbaren Boden stieß.
Außer einer aggressiven Pro-Propaganda gab es kaum andere Informationsmöglichkeiten für die Zivilgesellschaft.
„Broschüre der deutschen Energieversorgungsunternehmen 1973:
66 Fragen 66 Antworten. Zum besseren Verständnis der Kernenergie
Frage 42: Sind Kernkraftwerke sicher?
Antwort: Ja. Kernkraftwerke sind sicher.
(…) Der Technische Überwachungsverein hat einmal ausgerechnet, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit für den sogenannten „Größten anzunehmenden Unfall“ (GAU), das heißt eines hypothetischen Unfallablaufes, für den jede Kernkraftanlage ausgelegt ist, 1:100 000 pro Jahr beträgt. Mit anderen Worten: Hätte der bekannte König Cheops aus der 4. altägyptischen Dynastie statt der von ihm errichteten Pyramide 20 große Kernkraftwerke gebaut und diese wären bis heute in Betrieb gewesen, dann müsste man damit rechnen, dass sich seither einmal ein solcher Unfall hätte ereignen können. Die Auswirkungen dieses Unfalls wären überdies so gewesen, dass jedermann am Kraftwerkszaun tagaus tagein hätte zuschauen können, ohne dabei mehr als die zulässige Strahlendosis zu empfangen. Nimmt man an, dass sämtliche Sicherheitseinrichtungen des Kernkraftwerkes nicht funktioniert hätten, dann wäre dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 Milliarde pro Jahr passiert. Das bedeutet, dass die Vormenschenaffen im Alt-Tertiär vor 50 Millionen Jahren besagte 20 Kernkraftwerke hätten bauen und seither betreiben müssen, dann hätte man einen solchen Unfall vielleicht einmal registrieren können.“
Windscale (Sellafield) 1957, Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 zeigen wie schnell „eine Milliarde Jahre“ vorbei gehen können.
Am 8. November 1978 verabschiedete die luxemburgische Abgeordnetenkammer eine Kammermotion gegen den Bau des französischen Atomkraftwerks Cattenom.
Diese Motion gehört zu den frühesten offiziellen politischen Akten Luxemburgs im Widerstand gegen Cattenom und markiert den Beginn eines jahrzehntelangen grenzüberschreitenden Rechts- und Sicherheitskonflikts.
Die Motion vom 8. November 1978 richtete sich gegen:
- den geplanten Bau des KKW Cattenom durch die französische EDF,
- die fehlende grenzüberschreitende Konsultation,
- die Sicherheitsrisiken für Luxemburg (nur ca. 9 km entfernt
- die geplante Reaktortechnologie (Druckwasserreaktoren der 1300‑MW‑Klasse).
Sie forderte:
- diplomatische Schritte der Regierung gegenüber Frankreich,
- eine gemeinsame Position der Großregion,
- die Prüfung rechtlicher Schritte gegen das Projekt.
Historischer Kontext
Die Motion fiel in eine Phase intensiven Widerstands:
1975–1978: Gründung mehrerer Anti-Atom-Initiativen (ASVM, CNAM/Remerschen).
1975–1978: Erste Großdemonstrationen gegen Cattenom.
Im Oktober 1978: Frankreich konkretisierte die Cattenom‑Planung mit der d’utilité publique“ Erklärung des Projektes.
Oktober 1978, die Bischöfe von Luxemburg, Metz, Saarbrücken und Trier geben eine gemeinsame Erklärung zum Bau von Kernkraftwerken ab. In der „Erklärung der Bischöfe zum geplanten Atomkraftwerk Cattenom“ wurden grundsätzliche sicherheitspolitische, ethische und gesellschaftliche Bedenken gegen den Bau des französischen KKW Cattenom geäußert. Sie verlieh dem Widerstand moralisches Gewicht und erhöhte den politischen Druck.
Die Motion vom 8.11.1978 war damit Teil einer breiten politischen Front gegen Cattenom.
Völkerrechtlicher Kontext 1978
1978 war Frankreich beim Bau von Cattenom nicht verpflichtet, Luxemburg einzubeziehen. Erst später entstanden internationale Regeln wie:
- die Espoo (Stadt in Finnland) -Konvention (1991) über grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfungen,
- die Aarhus-Konvention (1998) über Umweltinformation und Beteiligung.
Die Motion von 1978 war daher ein früher Versuch, diplomatischen Druck aufzubauen, obwohl Luxemburg keine formalen Rechtsmittel gegen Frankreich hatte.
Ob dieser Druck seitens der Regierungen (CSV-DP und DP-LSAP) bis zum Anschluss der Reaktorblöcke Cattenom ans Netz (86, 87, 90, 91) ausreichend war, darüber lässt sich streiten.
Jedenfalls haben Zivilgesellschaft, Umweltverbände und viele Gemeinden alles getan, um dieses Monster-KKW zu verhindern.
Was waren die Hauptargumente gegen diese Atomtechnologie in diesen Jahren:
Sicherheitsrisiken, radioaktive Abfälle, Demokratie‑ und Transparenzprobleme, ökologische Belastungen, wirtschaftliche Zweifel.
Geprägt wurden diese Argumente durch die Analysen des österreichischen Zukunftsforscher Robert Jungk. Er war einer der einflussreichsten Atomkraft‑Kritiker im deutschsprachigen Raum und prägte sowohl die Friedensbewegung als auch die Anti-Atomkraft‑Bewegung nachhaltig. Seine Arbeiten gelten bis heute als Standardwerke der Atomkritik.
Bereits in den 1950ern warnte er vor den ethischen und gesellschaftlichen Folgen der Atomtechnologie.
Jungk sah Atomwaffen und Atomkraftwerke beide als Ausdruck eines gefährlichen technologischen Machtstrebens.
In seinem Werk „Der Atomstaat (1977)“ beschreibt er, wie Atomenergie autoritäre Strukturen begünstigen könne.
Er hatte großen Einfluss auf die Anti-Atomkraft‑Bewegung: Seine Analysen wurden zu intellektuellen Grundlagen der Bewegung.
Vier Monate nach der Verabschiedung der Kammermotion vom 28.3.1979: Reaktorunfall in Harrisburg USA – Three Mile Island. INES (International Nuclear Event Scale) 5 (ernster Atomunfall) auf einer Skala bis 7.
Unfall ausgelöst durch Kühlmittelverlust und Bedienfehler.
Teilweise Kernschmelze und Austritt von Radioaktivität. Stundenlang ist der Reaktor außer Kontrolle, eine Explosion droht.
In den folgenden Stunden führten technische und menschliche Fehler dazu, dass Kühlwasser unbemerkt entwich, die Brennstäbe überhitzten und etwa ein Drittel des Reaktorkerns schmolz.
Fünf Tage nach dem Unfall konnte das Kühlsystem wiederhergestellt und der Reaktor verschlossen werden.
Innerhalb eines 15 km-Radius wurden vorsorglich schwangere Frauen und Familien mit Kindern evakuiert, insgesamt flohen etwa 200.000 Menschen aus der Umgebung.
Der Unfall gilt als Vorläufer für die Diskussionen über Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) und wird oft als Beispiel für die Risiken der Kernenergie angeführt.
Dass dies zu heftigen Diskussionen um Cattenom führte leuchtet jedem ein.
Im Juli 1979 wird die Baugenehmigung für Cattenom erteilt.
In Frankreich war der Aufbau der Nuklearindustrie in den Siebzigerjahren mit zwei Zielen verbunden: zum einen der weitgehenden Energieunabhängigkeit, um den Import fossiler Rohstoffe zu vermeiden. Zum anderen ging es um die militärische Sicherheit durch die Abschreckung mittels der Atombewaffnung, der sogenannten Force de Frappe.
Zur Erinnerung an die Initiative von Düdelingen: 1980 reichte die Stadt eine Klage beim Verwaltungsgericht in Strasburg gegen die Erteilung der Baugenehmigung des KKW Cattenom. Düdelingen war damals die einzige luxemburgische Gemeinde, die diesen Schritt in die Wege geleitet hatte. 1982 wurde diese Klage als unzulässig erklärt.
Im selben Monat Juli 79 eine Woche vor den Europawahlen sperrte Frankreich seine Grenzen auf einer Länge von 250 km, um eine Großdemonstration in Thionville zu verhindern. Die Sperrungen auch in den nächsten Jahren, wurden durch massive Präsenz ausgerüsteter CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité) gesichert.
Die schon angedeutete parlamentarische Motion von 1978, war Basis für die Gründung des Comité national d’action contre Cattenom (CNAC) im Dezember 1979. Mitglieder waren alle großen Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Gruppen des Landes.
CNAC gilt als einer der wichtigsten historischen Zusammenschlüsse Luxemburgs im Kampf gegen Atomenergie. Das Comité stellte sich aber schnell als nicht besonders dynamisch heraus.
1981 François Mitterrand wird Präsident Frankreichs. Ein Lichtblick mit dem Blick auf Cattenom? Der französische PS war immer gegen Cattenom, Mitterrand versprach im Wahlkampf Cattenom als Projekt zu hinterfragen.
Mitterrand kündigte an die Blöcke 1 und 2 bauen zu lassen. Betreffend die Blöcke 3 und 4 sollten die Gemeinde Cattenom und die französischen umliegenden Gemeinden entscheiden. Die französischen Gemeinderäte entschieden sich für den Bau.
Im September 1981 riegelt auch die neue französische Regierung die Grenzen ab, um eine Demonstration in Thionville zu verhindern.
Eine gewisse Resignation bei vielen Atomkraftgegnern trat ein.
Frankreich forciert den Bau der Blöcke in Cattenom. Genehmigungsverfahren werden in die Wege geleitet. Diverse Konventionen wie ein Informationsaustausch zwischen Frankreich und Luxemburg werden unterzeichnet.
Ab 1985 zeichnet wieder ein verstärkter Widerstand gegen das KKW Cattenom ab. Der Entwurf eines französisch-luxemburgischen Vertrages betreff des Betriebes von Cattenom und die öffentliche Anhörung über die Höhe der zu genehmigenden radioaktiven Ableitungen des KKW’s stoßen auf heftigen Widerstand.
Nicht destotrotz, die Emissionswerte werden seitens Frankreichs im Februar genehmigt, der Vertrag wird im März 1986 unterschrieben.
Der Vertrag enthält mehr oder weniger unverbindliche Absichtserklärungen und das Öko-Institut (welches 6 Jahre später in der Gemeinde Roeser noch eine entscheidende Rolle in einem anderen Dossier spielte) bestätigt, dass die genehmigten Emissionswerte, die in Luxemburg gesetzlich verankerten maximalen Strahlenbelastungen nicht respektieren.
Was konnte noch getan werden, was konnten Gemeinden noch tun? Es ging darum mit allen möglichen Mitteln dem gigantischen Projekt Knüppel in die Speichen zu werfen, um durch diese Taktik das unmögliche noch zu versuchen. Gewusst war, dass Frankreich es nie mochte, falls sich Widderstand gegen ihre zivilen atomaren Pläne erhob.
Und die seitens Frankreichs genehmigten Emissionswerte wurde der Angriffspunkt der Gemeindeinitiative Roeser-Düdelingen gegen Cattenom. Wir erhielten Informationen, dass dies eine konkrete Möglichkeit sei, sich als Gemeinden konkret, also nicht nur durch Erklärungen, einzubringen. Erste Überlegungen wurden seitens Roeser und Düdelingen ab Mitte April diskutiert.
Dann geschah am 26. April 1986 im damals sowjetischen Tschernobyl (heute Ukraine) ein atomarer Unfall der laut INES-Tabelle höchste Kategorie 7: Ein Atomreaktor explodierte während eines Sicherheitstestes. Der Super-GAU hatte sich ereignet.
In einer weiteren gemeinsamen Erklärung forderten die Bischöfe der Großregion Stunden später mit aller Deutlichkeit den Stopp von Cattenom. Diese Erklärung wurde in Luxemburg nicht überall begrüßt.
Am 1. Mai gegen 16Uhr registrierten die 9 automatischen Messstationen Luxemburgs einen deutlichen Anstieg der Radioaktivität. Die Werte lagen am Abend 80% über der natürlichen Hintergrundstrahlung.
Um 18Uhr wurde die Bevölkerung seitens der Regierung offiziell benachrichtigt.
Am 2. Mai beschließen die Schöffenräte aus Roeser und Düdelingen gegen das KKW in Cattenom mit einem Eil-Klage beim Strasburger Verwaltungsgericht vorzugehen. Klar spielte Tschernobyl hier eine Rolle aber schon Tage vor dieser Katastrophe wurden wir auf einen Prozedurfehler der französischen Verantwortlichen betreffend die Emissionswerte für das KKW Cattenom aufmerksam gemacht. Dies war der eigentliche Auslöser dieser Gemeindeinitiative. Tschernobyl verstärkte diesen Widerstand, so dass sich innerhalb weniger Tage 14 Gemeinden der Initiative anschlossen. In den folgenden Monaten wuchs diese Unterstützung auf insgesamt 55 Gemeinden.
Im Laufe der gerichtlichen Prozeduren wurde die Zusammenarbeit hauptsächlich mit dem Mouvement Écologique eng koordiniert.
Der 3. Mai war der Tag als der Regen kam. Das Gewitter brachte eine höhere Fall-Out Belastung grob für den Norden und Osten (Müllerthal) des Landes.
Viele sahen den damaligen „Service de Radioprotection“ unter Leitung eines Kernkraftbefürworters, als etwas überfordert und konzeptlos an.
Die Niederschläge brachten die in der Luft enthaltene Radioaktivität auf die Erdoberfläche und verseuchten so den Boden, die Pflanzen und die Gewässer.
Am 6. Mai kam die Empfehlung kein frisches Gemüse zu essen, da die Werte über den Normen lagen.
Am 9. Mai gab die Regierung Entwarnung.
Tschernobyl liegt über 2.000 km von Luxemburg entfernt, es bleibt ein prägendes Ereignis im kollektiven Gedächtnis. Zeitzeugen berichten heute, wie plötzlich Unsicherheit, Angst und Informationsbedarf das Land prägten.
Zurück zu Cattenom:
Am 2. Mai 1986 beschlossen wir als Roeser-Düdelingen die seitens Frankreichs genehmigten Emissionswerte (15 Curie) juristisch anzufechten. Sie respektierten die in Luxemburg gesetzlich verankerten maximalen Strahlenbelastungen (5 Curie) nicht. Pro Block und Jahr sahen diese Genehmigungen einen 5fach höheren Werte an flüssiger, radioaktiver Ableitung an die Umwelt vor. Diese Werte entsprachen also bei weitem nicht mehr den damaligen technischen Betriebsmöglichkeiten eines Kernkraftwerkes.
Zwar willigte die französische Regierung einen „Erwartungswert“ von diesen 5 Curie zu, aber wir wollten die niedrigen Werte als Genehmigungswerte juristisch festschreiben lassen. Also Cattenom könnte nur in Betrieb genommen werden, falls dies gesetzlich gesichert sei.
Man musste wissen, dass diese Klage eine der letzten gesetzlichen Einspruchsmöglichkeiten vor Inbetriebnahme des KKW‘s darstellte.
Von 1986 bis 1990 ging es vom Strasburger Verwaltungsgericht bis hin zum Europäischen Gerichtshof. Ein Weg, auf welchem sich immer mehr Initiativen und Körperschaften anschlossen.
Obwohl das Verwaltungsgericht in Strasburg den Eilantrag im September ablehnte, französische Verwaltungsgerichte argumentieren immer ausländischen Körperschaften die Klagebefugnis gegen nationale Infrastrukturprojekte abzusprechen, kannte das Gericht trotzdem die Argumente der Kläger an. Der französische Staatskommissar unterstützte überraschend die Kläger und verwies auf formale Fehler im Genehmigungsverfahren. Die eigentliche Überraschung war, dass das Verwaltungsgericht das Verfahren an den Europäischen Gerichtshof weiterleitete, um eine Interpretation des Artikels 37 des Euratom-Vertrages zu verlangen.
Bei der Ablehnung des Eil-Antrages folgten weitere Klagen der Gemeindeinitiative beim Verwaltungsgericht. Es waren dies Klagen gegen die Betriebsgenehmigung des ersten Reaktors und gegen die allgemeine Genehmigung aller vier geplanten Reaktoren. Es ging zu diesem Zeitpunkt darum alle Möglichkeiten gegen den Betrieb von Cattenom zu nutzen.
Zu diesem Zeitpunkt ereigneten sich eine Reihe von Pannen in der französischen Nuklearindustrie.
Was mit der Eil-Klage in Strasburg und diesem Urteil des Verwaltungsgerichtes angestoßen wurde, hätten wir uns nie vorstellen können. Die Klage bewies, dass man im Dossier Cattenom nur etwas erreichen kann oder zumindest bewegt, falls man konsequent juristisch vorgeht.
Im September 1986 verabschiedete das Europäische Parlament einen Antrag, der sich gegen den Betrieb Cattenoms aussprach und die Kommission zum Handeln aufforderte.
Welches Fazit ziehen wir aus dieser gesamten juristischen Aktion:
Cattenom wurde gebaut. Bei der Kernkraft ließ sich Frankreich von niemandem schon gar nicht vom Ausland her dreinreden.
Aber: Dank den Gerichten schafften es die Kläger was den nationalen politischen Instanzen nicht gelingen will: Den Kernkraftwerksbetreibern einen Dämpfer aufzusetzen.
Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, ein Urteil, das seinen Anfang im Eil-Antrag der Gemeinden Düdelingen und Roeser hatte, war eine bahnbrechende Entscheidung mit europäischen Konsequenzen.
- Die Klagen machten Mängel im französischen Atomgenehmigungsrecht öffentlich.
- Frankreich hatte gegen den Euratom-Vertrag verstoßen.
- Europäisches Recht setzte sich gegen französische Behörden durch.
- Das definitive Urteil ist ein Leitentscheid für alle grenznahen KKW’s in der EU. Es stärkt die Rolle der Kommission bei Strahlenschutzfragen.
- Auch wenn die Inbetriebnahme nicht verhindert wurde, stellte der EuGH klar, dass radioaktive Ableitungen kein rein nationales Thema sind. Frankreich hatte gegen das europäische Strahlenschutzrecht verstoßen, Cattenom wurde zum Präzedenzfall für die gesamte EU. Frankreich musste seine Genehmigungspraxis für KKW’s anpassen.
Nicht zu unterschätzen die Tatsache, dass durch diesen Werdegang die Anti-Atomkraft-Bewegung im Dreiländereck gestärkt wurde.
Die Reaktoren von Cattenom gingen an folgenden Daten ans Netz
Block1 November 1986
Block2 September 1987
Block3 Juli 1990
Block4 Mai 1991
Cattenom liefert 8% der gesamten französischen Stromproduktion
70% des Stroms werden in der Region Grand-Est (Lothringen-Elsass) verbraucht.
Der Widerstand gegen den Pannenreaktor ging unvermindert weiter, auch wenn die Gemeinden sich langsam aus der ersten Reihe zurückzogen.
Am 11. März 2011 brachte die Atomkatastrophe von Fukushima durch die Kernschmelze in 3 Reaktoren eine Neuauflage der Gemeindeinitiative gegen Cattenom. In Anlehnung an eine Initiative der deutschen Nachbargemeinden, unter dem Impuls der Gemeinden Remich und Frisingen schlossen sich im Mai 2011 etwa 40 Gemeinden zusammen. Sie fordern die Schließung von Cattenom und forderten von der Regierung ein konsequentes Eintreten.
2011 wurde auch verstärkt über die Bedeutung von erneuerbaren Energien diskutiert.
Als wir 1986 die Klage gegen Cattenom einreichten, war dies in der Gesellschaft kein Thema. Hermann Scheer veröffentlichte sein Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ im Jahr 2006. Dieses Buch prägt seinen Namen und setzt sich konsequent für den Ausbau erneuerbarer Energien ein.
Deutschland, Italien und Schweiz beschlossen infolge der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 politische Schritte zum Ausstieg aus der Atomenergie bzw. zur Beendigung der Kernkraftnutzung.
Fukushima bedeutete ebenfalls die Durchführung eines EU-Stresstestes für alle Atomkraftwerke in der Gemeinschaft. Er war Teil der europaweiten Sicherheitsüberprüfungen („EU Stress Tests“), die nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 von der Europäischen Union angeordnet wurden.
Für das Atomkraftwerk Cattenom wurde dieser im Jahr 2011–2012 durchgeführt.
Die Ergebnisse für Cattenom wurden 2012 veröffentlicht.
Der interne Stresstest der EU-Kommission wies erhebliche Mängel für den Pannenreaktor Cattenom auf. Kommt es in der Atomanlage zu einem Zwischenfall, so ist das Sicherheitsmanagement und sind die Notfallpläne unzureichend. Zudem stellten die Prüfer der EU-Kommission Mängel beim Schutz gegen Erdbeben und Hochwasser fest. Die EU-Mängelliste lässt vor allem französische Anlagen schlecht aussehen.
Wahrlich Wasser auf die Mühlen der Cattenom Gegner.
Aus einem sicherheitstechnischen Gutachten des Öko-Instituts Freiburg, das im April 2018 vorgestellt wurde, geht hervor, dass das KKW Cattenom nicht den heutigen europäischen Sicherheitsstandards für den Neubau von Atomanlagen entspricht und dieses Niveau auch durch Nachrüstungen nicht mehr erreichen kann.
Seit der Inbetriebnahme reiht sich in Cattenom Panne an Panne. Über 150 Störungen & Störfälle, über 1500 „Abweichungen“ (meldepflichtige Ereignisse nach INES-Skala 0-2)
Die INES-Skala bewertet die sicherheitstechnische Bedeutung von nuklearen und radiologischen Ereignissen auf sieben Stufen, von geringfügigen Abweichungen bis zu katastrophalen Unfällen.
Zweck und Hintergrund
Die Internationale Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse (INES) wurde 1990 von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der Kernenergieagentur der OECD eingeführt, um die Öffentlichkeit schnell und verständlich über die Schwere von Störfällen und Unfällen in kerntechnischen Anlagen zu informieren
Wären Neandertaler technisch in der Lage gewesen, Atomkraftwerke zu bauen, dann wäre ihr Atommüll bis heute und noch für zehntausende bis hunderttausende Jahre gefährlich. Hochradioaktiver Abfall bleibt extrem lange aktiv – teils über 100.000 Jahre, in manchen Fällen sogar bis zu einer Million Jahre. Hat schon irgendjemand den Kostenpunkt für die gesamte Endlagerung radioaktiven Mülls errechnet?
Die Neandertaler lebten ungefähr zwischen 300.000 und 40.000 Jahren vor heute. Das ist der Zeitraum, in dem ihre Fossilien sicher datiert sind.
Vor wenigen Tagen beteiligte sich auch Luxemburg an der Notfallübung im Kernkraftwerk Cattenom.
Bei der Übung „Cattenom 2026“ testen Luxemburg, Frankreich und Deutschland die Abläufe im Ernstfall eines nuklearen Zwischenfalls. Durch diese alle 5 Jahre stattfindende Übung sollen realistische Reaktionen ermöglicht und die Systeme unter realitätsnahen Bedingungen getestet werden.
Gegen diese Übung ist nichts einzuwenden, sie ist notwendig, um im Ernstfall einigermaßen vorbereitet zu sein.
Zur Erinnerung die Unfälle von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima:
Harrisburg (INES 5): Zwei Tage nach dem Unfall rief Pennsylvanias Gouverneur schwangere Frauen und Familien mit Kleinkindern dazu auf das Gebiet in einem Umkreis von 15km, um das Kraftwerk zu verlassen. Schätzungen zufolge flohen vorübergehend etwa bis 200.000 Menschen aus der Region oder wurden evakuiert. In bestimmten kritischen Unfallphasen wurde die Bevölkerung zudem aufgefordert, in den geschlossenen Wohnungen zu bleiben.
Tschernobyl (INES 7): Die Folgen waren enorm: Tausende Tote, verseuchte, auf Jahrhunderte unbewohnbare Landstriche. Und eine Atomruine, in der die hochradioaktiven Überreste dauerhaft überwacht und gekühlt werden müssen. Tschernobyl wurde in einem Umkreis von 30 km evakuiert. Dies betraf 350.000 Menschen.
Fukushima (INES 7) In einem Umkreis von 40 km wurde das Gebiet evakuiert. Dies betraf 150.000 Menschen. Die von der Katastrophe verursachten Kosten betragen laut japanischer Regierung etwa 190 Milliarden US-Dollar, laut dem Japan Center for Economic Research 500 bis 600 Milliarden US-Dollar.
Lese dann in einem rezenten Interview über diese Übung mit einem der Verantwortlichen des Haut-Commissariat de la Protection Nationale (HCPN) Patrick Majerus, dass ihm zufolge keine Gefahr durch Cattenom drohe „In einem Ernstfall drohe der Bevölkerung wenig reelle Gefahr, Luxemburg sei dafür zu weit vom Atomreaktor entfernt. Er wird zitiert „In den meisten Fällen reicht es, zu duschen und die Kleidung zu wechseln.“
Solch eine Aussage muss man aufgrund realer Katastrophen schon mal hinkriegen.
Gefahr für Millionen: Die Ausbreitungssimulation.
Eine umfassende Simulation des Institut Biosphère und Greenpeace (2024) zeigt die verheerenden Ausmaße eines Unfalls.
Betroffene Gebiete: Je nach Wetterlage wären neben Luxemburg auch die Region Trier, Frankfurt und das Saarland direkte Gefahrenzonen.
Akute Verstrahlung: Über 26 Millionen Menschen wären innerhalb weniger Stunden einer massiven Strahlenbelastung ausgesetzt.
Evakuierung: Knapp eine Million Menschen müssten wegen kontaminierter Böden mit einer Langzeitumsiedlung rechnen.
Der März 2026 geht wohl als jener Monat in die Geschichtsbücher ein, in dem Europa die Atomwirtschaft wieder zum Strahlen brachte. Die politischen Ankündigungen folgten Schlag auf Schlag, den Takt gab EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor. Die Abkehr von der Atomkraft sei ein „strategischer Fehler“ gewesen, sagte sie am 10. März auf dem internationalen Gipfel zur Kernenergie nahe Paris. Europa solle an der „weltweiten Renaissance der Kernenergie“ teilhaben.
Wenn man sich die Fakten und Zahlen weltweit anschaut, kann von einer Renaissance keine Rede sein. Dank der rasanten Entwicklung der erneuerbaren Energien sinkt der Anteil der Atomenergie weltweit sogar.
Kernenergie ist ein horrend hoher Preis für die Ewigkeit.
Jenseits politischer Ankündigungen und Beschlüsse stellt sich die Realität wie folgt dar: In den letzten Jahren waren die wenigen existierenden KKW-Neubauprojekte in Europa überwiegend von massiven Verzögerungen und Verteuerungen, regelrechten Kostenexplosionen, geprägt. So schätzt etwa der französische Rechnungshof die Kosten für den einzigen KKW-Neubau in Frankreich in Flamanville auf rund 17 Milliarden Euro. Auch in Finnland explodieren die Kosten, das vorgesehene Budget hat sich vervierfacht. Teilweise wurden Projekte sogar aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt. Zudem: Auch in der Atomkraft gibt es eine hohe Abhängigkeit von russischem und kasachischem Uran und der staatliche Atomkonzern in Russland Rosatom ist ein wesentlicher Player im nuklearen Bereich. Daher ist davon auszugehen, dass absehbar manche Ausbaupläne erneut auf den Prüfstand gestellt werden.
Für die angepriesenen neueren kleineren Reaktoren (Smal Modular Reactor) bestehen ebenfalls erhebliche Bedenken: Wirtschaftlich unwirksam, Endlagerprobleme, Kostenexplosion beim Bau.
Aufgrund der geplanten Laufzeitverlängerungen (von 40 auf 50 Jahre) für den Pannenreaktor Cattenom wurde die Gemeinde-Allianz vor wenigen Wochen unter dem Impuls der Gemeinde Roeser neu aktiviert.
Bürgermeister Tom Jungen wird den aktuellen Stand dieser Initiative beleuchten.
Wir müssen das Engagement von Elisabeth Kox-Risch weiterführen, niemals aufgeben im Kampf für eine Idee, welche man für richtig erachtet. Menschen bewegen sich anzuschließen, um eine bessere Zukunft für alle zu erreichen.