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Antisemitismus: Debatte statt Brühwürfel!

Eine Debatte statt Brühwürfel und Nagelstiefel!

Wenn man den Journal-Leitartikel „Brühwürfel“ vom 11. August liest, kann bei etwas näherer Betrachtung beim Leser schon ein ungutes Gefühl entstehen.

Mal abgesehen von allen Kommentaren zur sogenannten „Biermann-Affaire“, ist der Ton des Journal-Leitartikels unterstes Niveau. Dem Tageblatt wird Antisemitismus unterstellt, man serviere ungestraft „seine unappetitlichen Brühwürfel“, man verkaufe in den Zeilen der Escher Tageszeitung „Gebräu“, ein Kommentar von François Bremer wird als weiterer „Brocken im unappetitlichen Tageblatt-Süppchen“ hingestellt. Salopp versucht sich der Leitartikler mit einem Satz zum „Führer“ und sieht gar deutsche Nagelstiefel.

In einem Punkt nur geben wir dem Journalisten Recht: Wir brauchen sie tatsächlich in Luxemburg, die Antisemitismus-Debatte!

Als Anregung möchten wir folgendes klarstellen, auch auf die Gefahr hin im Journal als „Tageblatt-Mitläufer“ betitelt zu werden:

  • Wir sind der Ansicht, dass jeder Staat sich an UNO-Resolutionen halten muss;
  • wir sind gegen jegliche Form von Gewalt, Extremismus und Terrorismus;
  • wir haben die Politik eines Yitzhak Rabin mit großem Interesse verfolgt;
  • wir können uns allerdings mit dem Politiker-Duo Netanjahu-Lieberman nicht anfreunden;
  • wir sehen in den Grundwerten der Kibbuz-Bewegung wesentliche Merkmale von Solidarität und Basisdemokratie;
  • wir empfinden die „Apartheitsmauer“ als zutiefst menschenverachtend;
  • wir mögen die Musik eines Leonard Bernsteins, die Bilder eines Marc Chagall, die Werke eines Franz Kafkas, die Texte eines Uri Avnery und könnten stundenlang einem Marcel Reich-Ranicki zuhören;
  • wir können an der „Nationalreligiösen Partei Israels“ absolut nichts Positives finden;
  • wir unterstützen gemeinsame Projekte der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft, wie den Radiosender „All for Peace“ (www.allforpeace.org);
  • wir verurteilen die provokative israelische Siedlungspolitik;
  • wir glauben an die politische Bedeutung der „Roadmap“ und des Annapolis-Konzeptes für einen gerechten und nachhaltigen Frieden in der Nahostregion;
  • wir sind empört über die Unverfrorenheit Israels, die UN-Ermittlungen in Sachen Gaza-Hilfsflotte behindern zu wollen;
  • wir sehen im „European Jewish Call For Reason“ (www.jcall.eu) eine bemerkenswerte Initiative und möchten mit folgendem Zitat schließen:

„Es ist für die Regierung Israels sehr bequem, jede Kritik an ihrer Politik im Ausland als antisemitisch zu stigmatisieren – auch wenn die Kritiker dasselbe sagen wie viele Israelis. Natürlich gibt es überall in Europa Antisemiten. Natürlich ist ihr Gedankengut ekelhaft. Natürlich versuchen sie, die Entrüstung über die israelische Politik auszunutzen. Ist das ein Grund, jegliche Kritik an Israel zu tabuisieren? Wir Israelis wollen ein Volk wie alle Völker sein, ein Staat wie alle Staaten, und Israel muss mit denselben moralischen Maßstäben wie jeder andere Staat gemessen werden.“ – Uri Avnery, Träger des alternativen Nobelpreises 2001.

Dem wäre nichts hinzuzufügen!

Françoise Kuffer  /  Raymond Becker

Tageblatt             13.8.2010

Von Ken Saro-Wiwa zu „Deepwater Horizon“.

„Die Industrieländer hängen am Öl, wie der Junkie an der Nadel“, Reinhard Loske traf mit dieser pointierten Aussage den Punkt. Unser auf ständiges hemmungsloses Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem giert nach immer mehr Öl. Dass Erdöl eine endliche Ressource darstellt und wir zumindest sehr nahe am „Peak-Oil“ sind, also an jenem Zeitpunkt zu dem die weltweite Öl-Förderung ihren Höhepunkt erreicht hat, wird verdrängt. Wie die Lemminge rennen wir dem vermeintlich „schwarzen Gold“ hinterher.

Pech für BP, dass sich die Katastrophe um die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko abspielt. Hier wird einer breiten Öffentlichkeit ersichtlich, mit welcher Arroganz und mit welcher technischen Inkompetenz der Ölmulti mit einer solchen Katastrophe umgeht. Das freundliche Verhalten zuständiger politischer Instanzen gegenüber der Öl-Lobby und die doch kumpelhafte Umgangsform des Ölmultis mit vielen politischen Entscheidungsträgern in den USA, lassen tief blicken. Vieles wird aufgrund der Geschehnisse im Golf von Mexiko aufzuklären sein.

Doch „Deepwater Horizon“ ist kein Einzelfall. Die grösste Ölpest aller Zeiten ereignete sich in den Jahren 1990/91 im persischen Golf. Auslöser war hier der zweite Golfkrieg. Die zweitgrößte Ölpest ereignete sich 1979 durch einen schweren Unfall auf der mexikanischen Ölbohrplattform Ixtoc-1. Wo sich in dieser unrühmlichen Skala „Deepwater Horizon“ einreihen wird, ist noch unklar. Klar ist aber, dass nach ernstzunehmenden Schätzungen und ohne konkrete, nachvollziehbare Unfallursache jährlich Millionen von Barrel Öl ins Meer laufen oder ins Grundwasser gelangen. Heutzutage sind weltweit weite Gebiete durch die Folgen der Ölförderung verseucht, die Ökosysteme sind nachhaltig geschädigt.

Erinnern Sie sich noch an Ken Saro-Wiwa, jenen nigerianischen Bürgerrechtler, der sich gegen die Umweltverwüstung im Niger-Delta durch die dort getätigte Ölförderung engagierte? Saro-Wiwa wurde 1995 erhängt. Ein korruptes Militärregime sprach ihn in einem Schauprozess für schuldig. Viele Beobachter warfen der in Nigeria aktiven Royal Dutch Shell eine Mitschuld an seinem Tode vor. Der Ölmulti suchte eine außergerichtliche Regelung um einer internationalen Anklage zu entgehen. Nigeria ist ein Fallbeispiel dafür, mit welchen Sauereien Ölmultis bei der Förderung unseres „schwarzen Goldes“ vorgehen. Jean Ziegler beschreibt in seinem Buch „Der Hass auf den Westen“ (C. Bertelsmann Verlag) die Hintergründe dieser Ausbeutung: „In Nigeria regiert seit 1966 ein totalitäres Militärregime, das den überwiegenden Teil seiner Bevölkerung in bitterster Armut verzweifeln lässt, während eine kleine Führungsclique mit Hilfe der internationalen Ölkonzerne Texaco, Shell, Exxon, Chevron, Agip, BP und anderen den schier unermesslichen Reichtum an Rohstoffen des Landes zum eigenen Vorteil nutzt.“ Eine Allianz aus westlichen Wirtschaftsinteressen und korrupten, egoistischen Potentaten richten dieses Land zugrunde. Die natürlichen Ressourcen werden ausgebeutet, um unseren vermeintlichen Wohlstand zu erhalten, Menschenrechte und Umwelt spielen keine Rolle.

Der Journalist John Vidal der englischen Tageszeitung „ The Guardian“ war entsetzt über das, was sich anlässlich seines Besuches im Niger-Delta auftat: „Wir konnten das Öl lange riechen bevor wir es sahen. Es stank nach einer Mischung aus Tankstelle und verrottenden Pflanzen. (…) Je weiter wir vordrangen desto ekelerregender wurde der Gestank. Schon bald schwammen wir in Lachen des leichten Rohöls, dem qualitativ hochwertigstem Öl der ganzen Welt.“ Für Vidal steht außer Zweifel, dass aus den Leitungen, Pumpanlagen und Ölplattformen im Niger-Delta, Jahr für Jahr mehr Öl ausläuft als bisher durch die Deepwater Horizon Katastrophe. Das Ausmaß an Verschmutzung ist im Niger-Delta unvorstellbar. Wer jemals für diese Kosten aufkommen wird, steht in den Sternen.

Fakt ist, dass in Zukunft die Ölförderung wesentlich gefährlicher wird. Die Ölvorkommen der Zukunft befinden sich vor allem auf offener See und in immer tieferen Lagen. Die Erschließung wird komplizierter. Unfälle à la Deep Water Horizon sind vorprogrammiert.

Es wäre an der Zeit, die Ölfirmen für ihre weltweiten Umweltzerstörungen zur Rechenschaft zu ziehen. Es ist aber auch höchste Zeit, dass die Industrieländer sich einige Fragen stellen. Ein Umdenken in der Gestaltung unserer wirtschaftlichen Zukunft ist erfordert. Green New Deal, also die ökologische Umgestaltung unseres aktuellen wirtschaftlichen Systems, muss zügig vorangetrieben werden.

Unterlassen wir gefährliche Ölbohrungen. Nehmen wir das „Peak-Oil“ ernst und nutzen wir die restliche Zeit des noch sprudelnden Öls um unsere Wirtschaft nachhaltig umzugestalten.

Françoise Kuffer / Raymond Becker

Tageblatt       11.6.2010

Ein Erz-Engel auf Biertischniveau.

Ein Erz-Engel auf Biertischniveau.

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Was sich der erz-konservative Europaabgeordnete Engel auf einer rezenten Pressekonferenz leistete ist unterstes Biertischniveau.

Laut einem Pressebericht äußerste sich der CSV-Exponent auf einer Pressekonferenz der christlich-sozialen Europaabgeordneten wie folgt: „Kritisch äußerste sich Engel allerdings zur Klimadebatte, wo von 30 Milliarden Euro gesprochen werde, die Europa aufbringen müsse, ohne dass aber bislang geklärt sei, wo diese Gelder überhaupt herkommen sollen und was einmal mit ihnen geschehe. Er wolle auf jeden Fall nicht, so der Sprecher der Luxemburger CSV-Abgeordneten, dass sich Robert Mugabe hiermit seinen 90. Geburtstag finanziert.“

Da haben wir es wieder, das Argument „die Afrikaner seien nur des Geldes wegen in Kopenhagen gewesen.“

Als wir noch vor nicht allzu langer Zeit Silberpapier für die „Negerkënnercher“ sammelten, waren jenen, die so dachten wie unser Engel, die Gewaltherrscher in Afrika egal. Wenn es darum geht, lukrative Geschäfte mit Rohstoffen in afrikanischen Ländern abzuschließen, hört man sie nicht, die Engels, dann sind Diktatoren und korrupte Politiker salonfähig. Dass wir unseren Wohlstand nicht zuletzt durch Sklaverei, Kolonisation und Börsenspekulationen abgesichert haben und wir somit den Menschen in Afrika seit Jahrhunderten keine Möglichkeit zur Selbstentfaltung geben, hat jene Engels nie wirklich interessiert. Die Missionierung stand immer im Vordergrund.

Es geht hier nicht um Robert Mugabe, es geht um Nelson Mandela. Es geht um die Menschen die sich in einem gerechten System eine Zukunft aufbauen wollen. Und hier stehen wir in der Pflicht, auch in der finanziellen Pflicht beim Klima.

Unserem Erz-Engel sei dringend die Lektüre der Analysen eines Thomas Pogge empfohlen, der die aktuelle Weltordnung als eine „Form von Massenmord“ bezeichnet, gerade in Bezug auf Afrika! Anscheinend kann man sich im Europaparlament auch für eine gerechtere Weltordnung einsetzen, in der soziale und das sind auch christliche Werte vordergründig sind.

Aufgrund seines Biertischniveaus bezweifeln wir aber, dass es dem Erz-Engel überhaupt darum geht.

Françoise Kuffer / Raymond Becker

Journal + Tageblatt             30.12.09

Ein ‚weißer Elefant‘!

Atomenergie: Ein „weißer Elefant“!

Alles begann 1953. Am 8. Dezember verkündete der damalige US-Präsident Eisenhower vor den Vereinten Nationen das „Atoms for peace“-Programm. Euphorisch wurden die unerschöpflichen Möglichkeiten einer friedlichen Nutzung der Atomenergie gepriesen. Die militärischen Möglichkeiten, Stichworte Hiroshima und Nagasaki, wurden ausgeblendet und verdrängt.

Wie naiv die Atomindustrie noch bis in die 70er Jahre argumentierte, zeigt ein Auszug eines Briefes vom Industriellen Peter von Siemens an den Natur- und Umweltschützer Hubert Weinzierl aus dem Jahre 1976: „Die durch die friedliche Nutzung der Kernenergie freigesetzten Spaltprodukte stellen keine gesundheitliche Gefährdung dar. Dies ist von naturwissenschaftlicher und medizinischer Seite so abgesichert, dass wir darüber keine Worte mehr zu verlieren brauchen.“

Einen gehörigen Schuss vor den Bug bekam die Atomindustrie am 28. März 1979. In einem der Reaktoren des Kernkraftwerkes „Three Mile Island“ bei Harrisburg (USA), kam es zu einer partiellen Kernschmelze. Die Welt schrammte um Haaresbreite an einer Katastrophe vorbei.

7 Jahre später am 26. April 1986 ereignete sich eine der schwersten Umweltkatastrophen überhaupt. Eine Kernschmelze und eine Explosion im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerkes in Tschernobyl (damalige Sowjetunion, heute Ukraine) lösten einen Super–GAU, einen „Größt-Anzunehmenden-Unfall“ aus.

Diese Katastrophe bewirkte spätestens in den 80ger Jahren bei breiten Teilen der Bevölkerung, ein Umdenken in der Bewertung der Kernenergie. Die mit großem Pomp seitens der Atomlobby geschickt als die „Zukunftsenergie“ vermarktete Kernenergie erlebte eine Art Waterloo. Viele Menschen glaubten, diese Form der Energieerzeugung wäre nun am Ende. Dies aber war die Rechnung ohne die milliardenschwere Atomlobby gemacht.

23 Jahre nach Tschernobyl wird seitens der Atomlobby, um bei den napoleonischen Schlachten zu bleiben, der Kernenergie ihr Austerlitz prophezeit.

Die angesehene deutsche Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ postulierte vor wenigen Wochen die Renaissance der Kernenergie. Drei Gründe werden hierfür in den Vordergrund gestellt: Die Klimapolitik, die wachsende Nachfrage nach Energie und die Abhängigkeit vom Erdöl. Die Argumentationskette der Atomlobby und ihrer politischen Vertreter ist im Gegensatz zu den 70er Jahren subtiler geworden.

Die aktuelle Situation.

Die Zahlen der World Nuclear Association und der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO), sowie die Berechnungen des Freiburger Öko-Institutes ergeben folgendes Bild: 2008 waren 439 Kernkraftwerke in 31 Ländern in Betrieb. Im Bau befinden sich weitere 34 in 15 Ländern, darunter als 32. Land der Iran.

Von den in Betrieb stehenden Anlagen, sind 38 Reaktoren weniger als 10 Jahre alt. Die übergroße Mehrzahl hat eine derzeitige Laufzeit von 20 respektive 30 Jahren.

Momentan liegt der weltweite Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion bei 16%. Drei Viertel dieses Anteils werden in nur 6 Ländern produziert (USA, Frankreich, Japan, Deutschland, Südkorea und Russland). Rechnet man den gesamten Anteil der Kernenergie am gesamten Energieverbrauch, also nicht allein die Stromproduktion, so liegt dieser bei nur knappen 2,5%.

Zahlen des deutschen Bundesumweltministeriums belegen: Von 1989 bis 2007 stieg die Zahl der weltweiten Atomreaktoren lediglich von 423 auf 438, das ist nicht mal die Inbetriebnahme eines Reaktors pro Jahr. Zum Vergleich, in Zeiten der „Hochkonjunktur“ der Atomindustrie, gingen jährlich etwa 30 Reaktoren ans Netz. Interessant nun, dass weltweit 2007, 6 Meiler weniger betrieben wurden als vor fünf Jahren, 438 statt 444. Zurzeit werden mehr Reaktoren vom Netz genommen als in Betrieb gesetzt. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

Dies hat mit den heutigen schon langen Laufzeiten (20 bis 30 Jahre) der aktuellen Reaktorgeneration zu tun. Das „Durchschnittsalter“ eines heutigen Atomkraftwerkes beträgt 22 Jahre. Die bisherigen abgeschalteten Anlagen hatten im Durschnitt eine Laufzeit von 21 Jahren. Der Energieexperte Mycle Schneider rechnet vor: Selbst wenn man wie vielerorts gefordert, die Laufzeiten eines Werkes drastisch auf etwa 40 oder 50 Jahre verlängern würde, müssten in den nächsten 10 bis 15 Jahren mehr als die Hälfte aller Reaktoren wegen zu hohen Verschleißerscheinungen abgeschaltet werden.

Zwischen einer gesellschaftspolitischen Entscheidungsfindung, der eigentlichen parlamentarischen Entscheidung für einen Bau eines Reaktors und dessen Inbetriebnahme vergehen ganz schnell 15 Jahre. So ist klar, dass in den nächsten Jahren außer den sich im Bau befindlichen Meiler, kaum neue Kernkraftwerke in Betrieb genommen werden. Wie Schneider richtig formuliert, was heute nicht bereits entschieden ist, wird sich nicht vor 2025 am Netz befinden.

So ist die Prognose der immer atomfreundlichen Internationalen Energie Agentur (IEA) in ihrer Tendenz richtig: Der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromproduktion wird mittelfristig drastisch von 16% auf 5% sinken.

Die Situation in Finnland ist mehrfach interessant.

2002 beschloss das finnische Parlament den Bau eines Reaktors in Oilkiluoto. Es war dies innerhalb der westlichen Länder seit Jahren wieder eine Entscheidung für den Bau eines Kernkraftwerkes. Für die Atomlobby ein wichtiges Signal.

Die Bauvergabe erfolgte an den französischen Branchenriesen und Staatskonzern AREVA. Als Technik gelangt eine angeblich sicherere Reaktorgeneration, der „Europäische Druckwasserreaktor EPR“ zur Ausführung. Diese 3. Generation an Reaktoren, wurde in einer französisch-deutschen Koproduktion seit den 70er Jahren entwickelt. Als Festpreis für den ganzen Bau, wurden 3,2 Milliarden € festgelegt. 2009 war für die Inbetriebnahme festgelegt. AREVA gibt die Laufzeit des EPR-Reaktors mit 60 Jahren an.

Dies alles waren Versprechungen der Atomindustrie, die es in solcher Form noch nie gab. Für den größten und modernsten Reaktor der Welt, eine sehr kurze Bauzeit, eine sehr lange Laufzeit und finanziell für einen Auftraggeber interessant.

Wie sieht es 2009 beim größten finnischen Bauprojekt aller Zeiten aus? Die Bauzeit erweist sich als völlig unrealistisch, der Betriebsbeginn verzögert sich zunehmend. Zurzeit wird das Jahr 2012 erwähnt. Die erheblichen Verzögerungen sind zurückzuführen auf die mangelnde Koordination des ganzen Projektes, auf Schlamperei bei der Qualitätssicherung auf der Baustelle, auf die Verarbeitung von zu schwachem Beton beim Herstellen der Fundamente, auf die festgestellten fehlerhaften Schweißnähte sowie auf grundverschiedene Vorstellungen zwischen Hersteller, Auftraggeber und Genehmigungsbehörde zu sicherheitstechnischen Fragestellungen wie Rohrleitungsbruch oder Flugzeugabsturz. Bei der Bauausführung des Projektes wurden bisher sage und schreibe über 1500 Probleme behördlich festgestellt!

Zu dieser Zeitverschiebung kommt hinzu, dass die Finanzierung komplett aus dem Ruder läuft. Die geplanten Kosten von 3,2 Milliarden € werden bis heute um 50% überschritten. Schätzungen sagen gar das Doppelte der ursprünglichen Kosten voraus. Eine gesalzene Rechnung für AREVA und Co die den Mehrpreis tragen müssen.

Die EPR-Reaktorgeneration wird in Finnland und gleichzeitig im französischen Flamanville, mit übrigens den gleichen Problemen, zum ersten Mal angewandt. Dies bedeutet, es gibt noch keine Serienproduktion. Man nimmt somit bewusst das Risiko der „Kinderkrankheiten“ in Kauf. Das britische Nuklearfachbüro „Large & Associates“ stellt beim EPR-Reaktor weitere wesentliche Sicherheitsmängel fest. Der Reaktor ist nicht gegen einen terroristischen Übergriff geschützt, der Schutz gegen Flugzeugabstürze ist unzureichend. Auch bei dieser Reaktorgeneration sind schwere Unfälle nicht auszuschließen. Das Restrisiko eines Super-Gau’s bleibt bestehen.

Frankreich und einzelne Lobbys in Deutschland haben größtes Interesse, dass die Zusammenarbeit zwischen AREVA, Framatome und Siemens ein Erfolg wird. So hat der französische Staat massive Exporthilfen für dieses Projekt bereitgestellt, die bayrische Landesbank, Siemens hat ihren Hauptsitz bekanntlich in München, steuerte mit einem sündhaft billigen Baukredit ihr Scherflein bei.

Das finnische Projekt wäre ein Trumpf für die Kernenergie, falls der Kernreaktor in knappen 6 Jahren zu diesen Versprechen zu bauen gewesen wäre.

AREVA-Chefin Anne Lauvergeon gab sich beim finnischen Baubeginn sicher, daß das Produkt EPR auch anderswo ein Verkaufsschlager wird: „Diese Grundsteinlegung ist ein Signal an ganz Europa, daß Atomkraft Teil unserer Zukunft ist.“ Lauvergeon meinte ganz sicher nicht nur Europa, sie sah einen möglichen Exportschlager weltweit. Sie sah diesen Reaktortyp als das Flaggschiff der vermeintlichen atomaren Renaissance. Momentan wird das Flaggschiff eher zu einem Pannenreaktor. Es bleibt abzuwarten wie aufgrund dieser finnischen Erfahrungen, sich die aktuellen Atomenergie-Diskussionen in verschiedenen europäischen Ländern entwickeln.

Trotz aller Probleme, gibt sich der französische Präsident Sarkozy als treuer Handlungsreisender „seiner“ staatlichen Atomlobby und tourt mit dem vermeintlichen Verkaufsschlager durch die Lande. Libyen, Marokko, Algerien, Abu Dhabi, Brasilien, China, Indien, Saudi-Arabien oder Jordanien haben mal Absichtserklärungen für EPR-Reaktoren gezeichnet. Also doch ein Verkaufsschlager? Dies muss sehr stark relativiert werden. Besonders in der Nuklearindustrie ist eine Absichtserklärung noch längst keine verbindliche Bestellung.

Atomenergie und Klimadiskussion.

Eines der Hauptargumente der Atomlobby für den Ausbau der Kernenergie ist die Klimadiskussion.

Die Kernenergie sei eine kohlendioxidfreie (CO2-freie) Technik. Schon mal einen wesentlichen CO2 Ausstoß bei einem Atomkraftwerk gemessen? Unmöglich, also haben wir mit der Kernenergie eine klimafreundliche Energiequelle. Diese Quelle kann sogar zum Einhalten der vorgegebenen Emissionsziele beim Klimaschutz einen wichtigen Beitrag leisten. So oder so ähnlich werden gebetsmühlenartig die vermeintlichen Klimavorteile der Atomenergie angepriesen.

Zu diesen vermeintlichen Klimavorteilen folgendes: Eine Studie des Freiburger Öko-Instituts rechnet die Klimabilanz eines Energieträgers vor. Für eine Klimabilanz gilt es den gesamten Produktionsweg einzubeziehen, also von der Rohstoffgewinnung über seinen Transport, von der Verarbeitung des Rohstoffes bis zu seiner Nutzung und nicht zuletzt beim Bau eines Kraftwerkes. CO2 entsteht zwar nicht direkt beim Betrieb einer Atomanlage aber beim notwendigen Uranabbau, bei dessen Anreicherung, bei der Wiederaufbereitung und Endlagerung. Nach dieser Berechnungslogik, produziert laut Öko-Institut ein deutsches Atomkraftwerk bis zu 61 Gramm CO2 pro KW-Stunde. Erneuerbare Energien wie Windkraft liegen bei 23 Gramm oder Wasserkraft bei 39 Gramm.

Richtig ist, dass ein Atomkraftwerk klimafreundlicher als ein herkömmliches Kohlekraftwerk ist. Richtig ist, dass zurzeit die Klimabilanz von Sonnenstrom aus Photovoltaik-Anlagen höher ist als bei Atomanlagen. Dies wird aber schnell ändern. Einerseits werden durch das zu erwartende Ausweichen der Atomindustrie auf weniger ergiebige Uranquellen die CO2-Emissionen sprunghaft hochschnellen; andererseits tut sich was bei der Photovoltaik. Neue Techniken und der Gebrauch von weniger Silicium werden die klimarelevanten Ausstöße minimieren.

Die Argumentationskette einer klimafreundlichen Atomenergie muss also wesentlich nuancierter betrachtet werden.

Abgesehen von all diesen Berechnungen propagieren der schon zitierte IEA und besonders das „Massachusetts Institute of Techology (MIT)“ folgende These: Bis 2050 müssten weltweit etwa 1400(!!!) neue Kernkraftwerke gebaut werden um einen nennenswerten Beitrag bei den Klimaschutzmaßnahmen zu leisten. Und dieser Beitrag wären dann gerade mal 6% an Einsparungen um die Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahre 2050 um die notwendigen 50% zu verringern.

Atomkraft ist also kein sehr wirksames Mittel bei den Klimaschutzmaßnahmen.

Atomenergie und Restrisiko.

Jährlich produzieren die heutigen Kernkraftwerke 8.300 Tonnen Strahlenmüll. Schätzungen ergeben, dass die heutigen Reaktoren in ihrer ganzen Laufzeit etwa 290.000 Tonnen hochradioaktiven Müll hinterlassen. Hinzu kommt ein Vielfaches an mehr oder weniger schwach und mittel radioaktivem Müll hinzu. Für eine sichere Endlagerung gibt es zum heutigen Tage weltweit keine Lösung. Zurzeit wird mit hohem finanziellem Aufwand der Atommüll bloß zwischengelagert. Um das Ganze mit dem Atommüll mal mit einem Zeitbeispiel zu formulieren: Hätten die Neandertaler die Atomenergie beherrscht, müssten wir uns heute noch und in einem weiteren unvorstellbaren Zeitraum, mit dem radioaktiven Restmüll aus jener Zeit herumschlagen.

Der benötigte Rohstoff Uran zum Betreiben eines Kernkraftwerkes ist endlich. Eine Versorgungssicherheit wird es hier nicht geben. Schätzungen zufolge reichen die Vorkommen bei heutigem Verbrauch und einigermaßen akzeptablen Preisen etwa 60 bis 100 Jahre. Bei einem weltweiten Ausbau der Kernenergie würde sich diese Jahreszahl reduzieren.

Zudem ist der Uranabbau eine ökologische Katastrophe. Etwa die Hälfte der Uranförderung findet derzeit in dünn besiedelten Gebieten Australiens und Kanadas statt. Mit unvorstellbaren Schäden für die Natur und die dort lebenden indigenen Bevölkerungen. Um dies zu verdeutlichen: In den USA bezeichnet man die dortigen Uran-Abbaugebiete als „National sacrifice area“ also als nationale Opfer-Gebiete. Das bedeutet, dass deren Wiederherstellung nur mit einem „gesellschaftlich nicht vertretbaren Aufwand“ zu gewährleisten wäre, wenn überhaupt.

Wie schnell es mit dem Restrisiko gehen kann, zeigt der beinahe GAU im schwedischen Forsmark. Laut Experten hatten wir vor drei Jahren einfach nur massives Glück, dass es zu keiner Katastrophe kam.

Beim Restrisiko stellen sich eine Reihe wesentlicher sicherheitspolitischer Fragen. Bei so manchen Ländern die sich für neue Reaktoren interessieren, verläuft die Trennung zwischen zivilen und militärischen Absichten mehr als unklar. Ein Land das einen Atomreaktor betreibt, kann eine Atombombe bauen.

Sind alle Länder überhaupt in der Lage eine seriöse Sicherheitskultur und eine demokratische behördliche Überwachung zu gewährleisten?

Schlussendlich, wie steht es mit den finanziellen und personellen Ressourcen vieler Länder?

Trotz schalmeienhafter Klänge der Atomindustrie, die Risiken bleiben enorm.

Es ist ein „weißer Elefant“!

Was ergibt dies alles in der aktuellen lobbygesteuerten „Renaissance“-Debatte? Ein Austerlitz wird der Atomenergie aufgrund der Restrisiken kaum gelingen. Ein Waterloo aber wird sie so auch nicht erfahren. Über 450 Reaktoren sind derzeit noch in Betrieb. Einige Neubauten wird es noch geben. Bei der Energieerzeugung und beim Klimaschutz bleibt diese Technik aber eine Marginalie.

Die Atomenergie ist schlicht und einfach ein „weißer Elefant“. Dieser Begriff aus dem englischsprachigen Raum bezieht sich auf Großprojekte und teure technische Entwicklungen, die die in sie gesetzten ehrgeizigen Ansprüche und Zukunftshoffnungen nicht erfüllen.

Ob die Atomenergie überhaupt eine Zukunft über das Jahr 2050 hat, haben wir alle zu entscheiden. Wir müssen entscheiden mit welchem Risiko wir unsere zukünftige Energieversorgung behaften wollen. Wir müssen entscheiden ob die Atomkraft nun definitiv ein Auslaufmodell wird.

In den kommenden Jahren haben wir es in der Hand unsere Zukunftsenergie neu zu definieren, völlig umzubauen und so neu zu gestalten.

Die Energieversorgung der Zukunft in den wichtigsten Sektoren Verkehr, Wärme und Strom liegt eindeutig bei den drei großen E’s: Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Energieeinsparung.

In der Anfangs zitierten Wirtschaftswoche kommentierte RWE-Chef Jürgen Großmann, die deutschen Kernkraftswerksbetreiber gingen davon aus, dass nach der anstehenden Bundestagswahl 2009, der Atomausstieg in Deutschland gestoppt wird. Sonst müsse man sich fragen ob Deutschland nicht das Land der erlöschenden Glühbirnen wird.

Hubert Weinzierl hatte hier eine passende Antwort parat: „Vielleicht ist Herr Großmann entgangen, dass die Glühbirne deshalb keine Zukunft mehr hat, weil sie schon lange von besseren Alternativen überholt worden ist. Es bleibt zu hoffen, dass auch bei den Wirtschaftslenkern bald die Kernkraftwerke zu den Glühbirnen der Energieerzeugung werden.“

Dem wäre nichts hinzuzufügen.

Raymond Becker

Vorstandsmitglied des Öko-Instituts Freiburg (1995-2003).

Ehemaliger Koordinator der Gemeindeinitiative gegen Cattenom.

Tageblatt      16/18/19.5.2009